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Sexualisierte Gewalt

Was ist mit „sexualisierter Gewalt“ gemeint?

Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, sind häufig sehr unsicher, ob das, was sie erlebt haben, überhaupt eine Form von Gewalt war. Diese Zweifel resultieren daraus, dass sexualisierte Gewalt in den meisten Fällen von Menschen ausgeht, die sich im ganz nahen Umfeld befinden. Menschen also, denen wir mit Vertrauen und Zuneigung begegnen. Und so ist es in der Regel nicht körperliche Überlegenheit, die den sexuellen Übergriff ermöglicht, sondern die Ausnutzung eben dieses Vertrauens- oder auch Abhängigkeitsverhältnisses.

Schuld- und Schamgefühle

Viele Betroffene tragen sich jahrelang mit schweren Schuld- und Schamgefühlen, weil sie glauben, sich nicht ausreichend gewehrt oder die Übergriffe sogar selbst provoziert zu haben. Hierin zeigt sich deutlich die fatale Wirksamkeit der Strategien der Täter und Täterinnen. Diese sind perfekt darauf ausgerichtet, die Wahrnehmung ihrer Opfer zu verwirren und sich der Verantwortung für das eigene Handeln zu entziehen. Betroffene scheuen sich oft auch deshalb Hilfe in Anspruch zu nehmen, weil sie ihre Erfahrungen für nicht schwerwiegend genug halten. Sie dürften sich halt einfach nur nicht so »anstellen«. Solche Bewertungen resultieren nicht selten auch aus Reaktionen des Umfeldes.

Verharmlosung von sexualisierter Gewalt

Aus Angst vor der Auseinandersetzung mit dem Thema und möglichen Konsequenzen wird sexualisierte Gewalt oft verharmlost und nicht ernst genommen. Dabei hat sexualisierte Gewalt viele Gesichter, die in unserem Alltag so präsent sind, dass sie oft gar nicht mehr als Grenzverletzungen wahrgenommen werden. Anzügliche Blicke, unangenehme Berührungen, exhibitionistische Handlungen oder herabwürdigende Kommentare – zunehmend auch über soziale Medien im Internet, gehören ebenso zu den Formen sexualisierter Gewalt wie sexuelle Nötigung und Vergewaltigung.

  • Auch wenn nicht alle dieser Formen eine strafrechtliche Bedeutung haben, können sie Betroffene in ihrem Selbstwertgefühl und in ihrer Würde erheblich verletzen. Niemand außer Ihnen selbst darf Ihre Grenzen definieren. Und diese Grenzen dürfen sich von denen anderer durchaus unterscheiden. Vertrauen Sie daher Ihrer Wahrnehmung!

Welche Symptome können sich zeigen?

Die Symptome, die sich in Folge einer sexualisierten Gewalterfahrung zeigen können, sind sehr vielfältig und in der Regel unspezifisch. Sie stellen zunächst einmal Versuche dar, die traumatische Erfahrung zu bewältigen. Sie sind von daher normale Reaktionen auf ein außergewöhnlich bedrohliches Ereignis, auch wenn sie sich fremd anfühlen und Angst machen. Wenn aber wegen der Schwere der Gewalterfahrung, der besonderen Beziehung zum Täter / zur Täterin oder aufgrund ungünstiger Rahmenbedingungen ein Verarbeitungsprozess nicht in Gang gesetzt werden kann, können diese Symptome fortbestehen und das Leben Betroffener nachhaltig negativ beeinflussen.

Häufig beschriebene Probleme sind dann:

  • quälenden Erinnerungen, Albträume / Schlafstörungen
  • Angstzustände mit heftigen körperlichen Reaktionen wie Zittern, Herzrasen und beschleunigter Atmung
  • erhöhte Schreckhaftigkeit
  • die Berührungen anderer Menschen nicht mehr ertragen zu können
  • anderen kein Vertrauen mehr schenken zu können / sich zurückziehen
  • den eigenen Körper abzulehnen, sich selbst zu verletzen
  • sehr schnell gereizt und / oder mit heftigen Gefühlsausbrüchen zu reagieren
  • innere Leere wahrzunehmen, sich als gefühllos und gleichgültig zu erleben
  • Schmerzen zu haben, für die es keine organische Ursache gibt
  • unter intensiven Scham- und Schuldgefühlen zu leiden
  • sich wertlos zu fühlen und keine Hoffnung mehr zu haben
  • Gedanken daran zu haben, sich das Leben zu nehmen
  • nur noch mit Hilfe von Alkohol und Drogen abschalten zu können

Sprachlos über das Erlebte …

Diese Aufzählung ist nicht vollständig, sondern beschreibt lediglich häufig auftretende Symptome. Problematisch für Betroffene ist, dass die beschriebenen Folgen von der Umwelt zwar durchaus wahrgenommen werden, aber nicht als möglicher Hinweis oder als Reaktion auf eine traumatische Erfahrung verstanden werden. Oft erfahren Betroffene eher eine Stigmatisierung als »auffällig«, »anders eben«, schlimmstenfalls als »nicht ganz richtig im Kopf«. Das macht es noch schwieriger sich zu öffnen und Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hinzu kommt, dass es vielen Betroffenen nicht ohne weiteres möglich ist, über die Erfahrung sexualisierter Gewalt zu sprechen. Das hängt nicht nur mit den intensiven Schuld- und Schamgefühlen zusammen, unter denen viele noch nach Jahren leiden, sondern auch mit der Art und Weise wie unser Gehirn traumatische Ereignisse verarbeitet. Dabei kann es durchaus zu einer auf das Trauma bezogenen Blockade im Sprachzentrum kommen, die im wahrsten Sinne des Wortes »sprachlos« macht.

Andererseits ist es so, dass unsere Psyche uns auch vor überfordernden Belastungen schützen kann, z.B. mit einer dissoziativen Amnesie – das bedeutet, das betreffende Ereignis wird aus unserem Bewusstsein verdrängt, man kann sich nicht oder nur bruchstückhaft erinnern. So lässt sich oft keine Verbindung zwischen den belastenden Symptomen und einem möglicherweise traumatisierenden Erlebnis in der Vergangenheit herstellen.

  • Manchmal werden Folgen sexualisierter Gewalt auch erst viele Jahre später spürbar. Vielleicht trifft ja auch für Sie zu, dass Sie die Gewalterfahrung lange erfolgreich verdrängen oder kompensieren konnten. Sie haben einen Schulabschluss erlangt, einen Beruf erlernt, eine Familie gegründet. Sie haben funktioniert. Und scheinbar wie aus dem Nichts sind plötzlich die Ereignisse aus der Vergangenheit wieder präsent und rufen belastende Symptome hervor.

Scheuen Sie sich nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie merken, dass sich aufgrund der beschriebenen Probleme Ihre Lebensqualität und Ihr Wohlbefinden zunehmend verschlechtern.


Quellennutzung: Broschüre fhf Rostock, „Vertraue deiner Wahrnehmung“